Der Junge, der im Kino aufwuchs

Der Junge, der im Kino aufwuchs
Sanjay Vasawa, der Manager des Edward Cinema in Mumbai, Indien. Foto: Doreen Fiedler (Bild: dpa)

Sein ganzes Leben lang saß Sanjay Vasawa in der ersten Reihe. «Niemand darf zwischen mich und den Film kommen», sagt der 28-Jährige mit dem Schnurrbart und den lachenden Augen.

Schon als Kleinkind spielte er zwischen den dunklen Holzstühlen des Edward Cinema im indischen Mumbai (früher Bombay), später schlich er sich direkt nach der Schule in den abgedunkelten Raum. «Ich habe auch im Kinosaal gegessen. Und wenn ich eingeschlafen bin, haben mich die Zuschauer hochgehoben und ins Bett gebracht.»

Damals war sein Vater der Ticketkontrolleur, Feger und Wächter des Edward Cinema. Die Familie lebte in den alten Umkleidekabinen direkt hinter der Leinwand, die aus der Zeit stammen, als in dem Theaterbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch Schauspieler auf der Bühne standen. Die Bühne – inklusive doppeltem Boden – gibt es noch immer. «Als Kind bin ich sofort nach der Vorstellung losgerannt, um die Münzen einzusammeln, die die Zuschauer gegen die Leinwand warfen, wenn ihnen eine Szene besonders gut gefiel», erinnert sich Sanjay.

Heute ist er der Manager des Kinos – und bis heute schleicht er sich jede freie Minute in den Saal. «Ich bin nie richtig erwachsen geworden, hier im Kino finde ich das Kind in mir», sagt er. Das Gebäude allerdings ist gealtert, der Zahn der Zeit nagt an dem einst prachtvollen Stuck, der sich über die beiden Balkone zieht. Tauben haben sich im Saal eingenistet und lassen ihre Exkremente fallen, fehlende Fliesen im Bodenmosaik des Treppenaufgangs sind irgendwann durch Zement ersetzt worden.

Das Schild «House Full» am Tickethäuschen wurde schon lange nicht mehr umgedreht. Doch Sanjay wird alles Erdenkliche tun, um weiterhin Karten ab 18 Rupien (25 Cent) verkaufen zu können. «Das hier ist eines der letzten Kinos, das sich Tagelöhner und Gepäckträger, Wäscher und Rikscha-Fahrer leisten können», sagt er. «Das sind Menschen, die nicht für die Zukunft, sondern den Moment leben.» Jeder Film inspiriere den Zuschauer, helfe, alles im Leben zu vergessen.

Sanjay kennt mehr als 1500 Filme, doch er hat einen absoluten Lieblingsfilm: «Hum Dil De Chuke Sanam» («Ich gab Dir mein Herz, Geliebter»). Als er im Jahr 1999 lief, ging er eine Woche nicht in die Schule und schaute ihn 28 Mal hintereinander. «”Hum Dil De Chuke Sanam” zeigt die Geschichte meines Lebens», sagt der 28-Jährige. Wie der Protagonist im Film führte auch Sanjay einen aussichtslos scheinenden Kampf um die Liebe einer Frau – den beide gewannen.

Schon in der fünften Klasse habe er sich in seine Lehrerin verliebt, erzählt Sanjay. «Aber ich fühlte, dass ich bis zur zehnten Klasse warten sollte, bis ich ihr einen Antrag mache. Dann bekam ich eine Ohrfeige.» In der zwölften Klasse versuchte er es erneut und drohte mit dem Tod; es folgten drei Selbstmordversuche. Doch schließlich bekam er sie doch noch – trotz eines Altersunterschieds von 18 Jahren und der Zugehörigkeit zu einer wohlhabenden Familie. «2008 heirateten wir», erzählt er strahlend.

Sanjay hatte von seinem Vater gelernt zu kämpfen: Dieser war ein einfacher Helfer, als Sanjays Mutter, eine gebildete Landbesitzerin, zum ersten Mal ins Edward Cinema kam. «Er gewann ihr Herz, indem er mit einem Taschentuch stets einen Stuhl für sie reservierte», sagt Sanjay. Wer in das Drehbuch ihrer Leben hätte blicken können, hätte die Hochzeit vorhergesehen: Sanjays Eltern heißen Hira, das bedeutet Diamant, und Hemalata, die goldene Rebe. 

(dpa)

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