Ulrike Edschmids über den Weg in den Terror

Ulrike Edschmids über den Weg in den Terror
Ulrike Edschmid hat sich mit ihrem Buch Zeit gelassen. Foto: Jan-Philipp Strobel (Bild: dpa)

Als junge Frau stand Ulrike Edschmid dem bewaffneten Untergrund einmal ziemlich nahe. Aber sie entschied sich, in der Gesellschaft zu bleiben.

Ihr Lebensgefährte Philip S. ging einen anderen Weg und wurde Terrorist. Am 9. Mai 1975 starb er auf einem Kölner Parkplatz bei einem Schusswechsel mit der Polizei. Auch ein junger Beamter kam ums Leben.

Es ist die Zeit, die später als das «rote Jahrzehnt» in die deutsche Geschichte eingehen wird: die Zeit der 68er und der Studentenproteste, der Kommunen und der Frauenbewegung. Aber auch die der Roten Armee Fraktion (RAF) und anderer militanter Gruppen.

40 Jahre später steht Ulrike Edschmid im Nieselregen im Berliner Kleistpark. Sie ist mittlerweile 72 Jahre alt, und erst jetzt hat sie Worte gefunden, über die damalige Zeit zu schreiben. «Das Verschwinden des Philip S.» heißt ihr Buch. Es sind bloß 157 Seiten, auf denen Edschmid den Weg nachzeichnet, der in den politischen Untergrund führte. Aber der Text ist von beeindruckender Dichte und Intensität. «Ich habe Jahre dafür gebraucht», sagt die Frau mit den gelockten grauen Haaren.

Ihr Freund Philipp S. hieß im echten Leben Philip Werner Sauber, ein Filmemacher, der 1967 von Zürich nach Berlin kam. Der feinsinnige Künstler – Bruder des langjährigen Formel-1-Rennstahlbesitzers Peter Sauber – studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, gilt als großes Talent. Dann schließt er sich der radikalen Linken an. Er bewegt sich im Umfeld der Stadtguerillagruppe «Bewegung 2. Juni» und soll an mehreren Banküberfällen beteiligt gewesen sein. Auch mit der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz bringt die Polizei ihn in Verbindung, Beweise für eine Mittäterschaft finden sich nicht.

Ulrike Edschmid lernt Philip S. in der Filmakademie kennen, lange bevor er in den Untergrund geht. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Weniger Meter vom Kleistpark entfernt, in der Grunewaldstraße 88, gründen sie mit anderen Weggefährten eine linksalternative Wohngemeinschaft.

Sie gründen einen der ersten Kinderläden in Berlin. Nachts ziehen sie durch die Straßen und demolieren Luxusautos. Als US-Truppen in Kambodscha einmarschieren und in Ohio vier Demonstranten erschossen werden, werfen sie Steine und Molotow-Cocktails auf das Berliner Amerikahaus. «H. holt mit seiner Brandflasche zu weit aus, so dass seine Jacke Feuer fängt, beinahe auch sein Haar. Ich schreie laut auf», schreibt Edschmid. H. ist Holger Meins, der ebenfalls in der Kommune 88 wohnt und sich später der RAF anschließt.

Als aus einem Mercedes von Meins eine Rohrbombe unter ein Polizeiauto geworfen wird, landen Edschmid und Philip S. im Gefängnis – unschuldig, wie sich herausstellt. Im Rückblick bezeichnet Edschmid die vierwöchige Untersuchungshaft als Zäsur. «Ich wollte so ein Leben, das sich nur an Aktionen orientiert, nicht führen», sagt sie. Ihr Freund Philip S. dagegen zieht sich mehr und mehr aus der Gemeinschaft zurück, schließlich zerbricht ihre Liebe und die Beziehung. 1972 taucht er ab.

«Ich habe ihn nicht zurückgehalten», schreibt Edschmid. “Seinem Verzicht konnte ich nichts entgegensetzen […], außer der verwirrenden Vielfalt des Daseins und dem Glauben an die Möglichkeit eines richtigen Lebens in einer falschen Welt.»

Solche Prosa führe zur «Selbstromantisierung des deutschen Terrors», schreibt die Wochenzeitschrift «Die Zeit». Edschmid füge der Literatur über den Linksterrorismus der siebziger Jahre etwas hinzu, was bislang fehlte, meint der «Spiegel»: «Eine radikale Innensicht, in der Kämpfe, Paranoia und Hoffnungen jener Zeit lebendig werden.»

Heute, 40 Jahre danach, wirkt die Autorin mit sich im Reinen. Nach dem Verschwinden ihres Philip S. fand Ulrike Edschmid andere Wege, um sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen – zunächst als Lehrerin und dann als Schriftstellerin. Die «Wut» über Missstände und Ungerechtigkeiten aber, sagt die 72-Jährige, «die ist immer noch da.»

 

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(dpa)

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